Tobias Woggon - Tour du Nord

Eine Reisegeschichte unseres Teamfahrers Tobias Woggon und dem Fotografen Philip Ruopp.

Für mich ist klar: Ich will nach Kamtschatka reisen, genauer: zur Hochebene am Kljutschewskaja Sopka. Ich möchte erleben, wie die Sonne hinter dem Vulkan Tolbatschik aufgeht. Und ich möchte vor diesem Sonnenaufgang biken. Egal wie aufwendig es wird. Und dass es das wird, zeichnet sich schon ab, als ich und Philip uns an die Reiseplanung machen. Zunächst benötigen wir ein Visum für Russland. Da man in das Land nicht einfach nach Lust und Laune einreisen kann, benötigen wir eine offizielle Einladung eines Einheimischen. Weil wir keine andere Möglichkeit sehen, überweisen wir einen Geldbetrag auf das Konto eines russischen Reiseveranstalters, der das angeblich organisiert. Wir sind skeptisch, aber tatsächlich erhalten wir eine Einladung und das Visum wird uns ausgestellt. Unserer Reise steht jetzt nichts mehr im Weg. Ende August geht es endlich los in Richtung Osten. Von Stuttgart fliegen wir zuerst nach Moskau, wo wir uns einige Tage die Stadt anschauen wollen, um dann weiter nach Osten zu fliegen. Und zwar so weit östlich, wie es nur geht. Genau genommen befinden wir uns auf dem längsten Inlandsflug der Welt – von Moskau nach Petropawlowsk.

Nach acht Stunden in der Luft, die ich fast komplett verschlafen habe – ich kann brummelige russische Filme als Schlafmittel wärmstens empfehlen –, setzen wir zur Landung an. Und schon aus dem Flieger sehen wir, dass hier eine ganz andere Welt auf uns wartet. Nachdem wir uns fast zwei Wochen in Kamtschatka aufgehalten haben, mal an den nahegelegenen Vulkanen mal auf einem Katamaran in der Beringsee, machen wir uns von Petropawlowsk aus mit dem Kamaz, einem riesigen russischen Gelände-LKW mit Passagier-Kabine, auf Richtung Norden.  Der wichtigste Punkt auf unserer Liste, der Trip zum Tolbatschik, dem malerischen, imposanten, 3.682 Meter hohen Vulkan im Norden des Landes, soll den krönenden Abschluss unserer Reise bilden. Ich muss einfach sehen, wie die Sonne hinter diesem Berg aufgeht! Dieser Wunsch hat sich während der Recherche für die Reise tief in mich hineingefressen.

Allerdings war das Wetter im Hochland während der letzten Tage so schlecht, dass es kaum einen Sinn gemacht hätte, den langen Weg auf sich zu nehmen, nur um dann am Fuße des Tolbatschik zu stehen, nichts sehen zu können und wahrscheinlich obendrein noch eingeschneit zu werden. Abgesehen davon ist der Weg alles andere als ein Kinderspiel. Mittlerweile ist es Mitte September und das Wetter wird spürbar kälter und unberechenbarer. Dass für die nächsten Tage eine Gutwetter-Phase angekündigt ist, ist also ein großes Glück, und wir beschließen, die Chance zu nutzen, und machen uns auf Richtung Tolbatschik. Über eine Woche werden wir in der Region um den Vulkan verbringen – Stunden entfernt vom nächsten Supermarkt und noch viel weiter vom nächsten Hotel. Da ist gute Planung angesagt. Selbst von unseren Guides waren noch nicht alle so weit oben in den Bergen. Auch sie sind ein bisschen aufgeregt. Bis zum ersten Zeltlagerplatz brauchen wir sicherlich acht Stunden, meint Alex, unser Chef-Guide, kurz bevor wir losfahren. Wir haben während der bisherigen Trips gelernt, seine Angaben zu interpretieren, und wissen, dass man mindestens ein Drittel auf seine Zeitangaben draufschlagen sollte. Und das auch nur, wenn es gut läuft.

Nach Stunden wird der Wald lichter und wir können durch die Bäume schon die ersten kleinen Ausläufer der Lavafelder erahnen, die sich bei einem der letzten großen Ausbrüche 1976 weit hinunter bis in die Wälder gefressen hatten. Eine weitere Stunde später stehen wir mitten auf einem solchen Lavafeld, aus dem überall abgestorbene knorrige Bäume ragen. Sie wurden bei dem Ausbruch von der heißen Luft des Vulkans, die in das Tal hinunterwehte, einfach ausgetrocknet und halten jetzt als Befestigung für unser Zeltlager her. Drei Tage sitzen wir dort, doch das Wetter spielt bisher nicht mit. Entweder regnet es in Strömen oder es ist so neblig, dass von den Vulkanen um uns herum nichts zu sehen ist. Alex ruft jeden Abend mit dem Satellitentelefon in Petropawlowsk an, um sich den aktuellen Wetterbericht geben zu lassen. Endlich werden gute Aussichten für den nächsten Tag gemeldet. Wir wollen versuchen, auf einen Vulkan in der Nähe unseres Lagers zu steigen, von dem aus man einen guten Blick auf den Tolbatschik haben soll. Der Trail von dort soll mit dem Bike zwar schwierig, aber nicht unmöglich sein. Voller Hoffnung gehen wir früh ins Bett, um uns am nächsten Tag schon vor Sonnenaufgang aufzumachen. Und tatsächlich ist der Himmel sternenklar, als wir unsere Sachen zusammenpacken und Richtung Vulkan aufbrechen.

Der Aufstieg mit dem Bike auf dem Rücken ist beschwerlich und der Weg führt uns im Licht unserer Stirnlampen über unwegsames Geröll. Irgendwann werden in der Dämmerung die Umrisse des schneebedeckten Tolbatschik sichtbar. Weiß und majestätisch erhebt sich der kegelförmige Vulkan, für den wir die lange Reise in den Osten Russlands angetreten haben, über der schwarzen Landschaft aus erkalteter Lava. Wir erreichen den Gipfel unseres Aussichtsvulkans kurz vor Sonnenaufgang und man kann schon erahnen, wo die Sonne sich hinter dem Berg zeigen wird. Unglaublich. Genau das ist der Moment, von dem ich träume. Der Moment, von dem ich Philip schon die ganze Zeit erzähle und mit dem ich ihn hierhergelockt habe. Monatelange Vorbereitung, Bürokratie, Rückschläge und natürlich die Strapazen der Reise, die kalten Nächte im Zelt und die langen Tage im wenig komfortablen Kamaz: All das haben wir auf uns genommen, um jetzt hier zu stehen. Am Rande der riesigen Lava Wüste mit Blick auf den verschneiten Tolbatschik auf der einen und der Blick auf den weit entfernten Pazifik auf der anderen Seite und dazwischen unzählige Kilometer Wildnis. Gleich werden wir diesen sagenhaften Sonnenaufgang erleben, und ich werde es genießen, vor dieser unfassbaren Kulisse auf dem Bike zu sitzen. Bis heute Morgen war nicht klar, ob wir es überhaupt schaffen würden, den Berg bei Sonnenaufgang zu sehen. Jetzt stehen wir hier nach einer fast vierwöchigen Reise und wissen, dass wir unser Ziel erreicht haben. Wir halten kurz inne, dann blitzen die ersten Sonnenstrahlen über den Horizont und ab geht’s. 
 
 
Lust auf diese und weitere Geschichten von Tobias Woggon?

Hier geht´s zu seinem Buch "Tour du Nord"




MT7 Pro
4-Pistons

Read more
MDR-P


Read more
MT7 Raceline
4-Pistons

Read more